Ratgeber
Peer-to-Peer Stromhandel in Österreich 2026
Peer-to-Peer Stromhandel ermöglicht den direkten Verkauf von erneuerbarem Strom zwischen Marktteilnehmern. Ab Oktober 2026 schafft das neue ElWG erstmals einen klaren rechtlichen Rahmen für P2P-Verträge in Österreich.
Peer-to-Peer (P2P) Stromhandel bedeutet: Wer mit einer PV-Anlage Strom erzeugt, kann diesen direkt an Nachbarn, Freunde oder andere Verbraucher verkaufen — ohne den Umweg über einen klassischen Energieversorger. Der Strom fließt weiterhin über das bestehende Netz, aber die Abrechnung und Vertragsbeziehung laufen direkt zwischen den Beteiligten. In Österreich wird dieses Modell durch Energiegemeinschaften und ab Oktober 2026 durch das neue ElWG ermöglicht.
Was ist Peer-to-Peer Stromhandel?
Beim P2P-Stromhandel handeln Erzeuger (Prosumer) und Verbraucher Strom direkt miteinander. Anders als beim klassischen Modell, bei dem ein Energieversorger als Zwischenhändler agiert, vereinbaren Käufer und Verkäufer die Konditionen selbst — unterstützt durch digitale Plattformen.
Wie funktioniert das technisch?
- Smart Meter erfassen Erzeugung und Verbrauch in Viertelstundenwerten (96 Datenpunkte pro Tag). Diese Granularität ist notwendig, damit die Zuordnung — wer hat wann wie viel erzeugt und verbraucht — präzise erfolgen kann.
- Digitale Plattformen übernehmen das Matching von Angebot und Nachfrage, die Abrechnung und die Kommunikation mit dem Netzbetreiber.
- Physisches Netz: Der Strom fließt nach wie vor über das bestehende Verteilnetz. P2P-Stromhandel ist eine kommerzielle Schicht auf dem physischen Netz — die Elektronen fließen nicht direkt vom Dach des Nachbarn zu Ihnen, aber die finanzielle Abwicklung erfolgt Peer-to-Peer.
- Datenplattform EDA: Der Energiewirtschaftliche Datenaustausch (EDA) stellt die Schnittstelle bereit, über die Smart-Meter-Daten an Plattformbetreiber und Gemeinschaftsverwalter weitergegeben werden.
Rechtlicher Rahmen: EAG und ElWG
Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) — Das Fundament (2021)
Das EAG wurde am 7. Juli 2021 beschlossen und trat am 27. Juli 2021 in Kraft. Es ist Österreichs zentrales Instrument auf dem Weg zu 100 % erneuerbarem Strom bis 2030.
Für den P2P-Stromhandel relevante Bestimmungen:
- Erster rechtlicher Rahmen für Energiegemeinschaften (EEG, BEG, GEA) in Österreich
- Reduzierte Netzentgelte für lokalen Energieaustausch
- Ausbauziele: +27 TWh erneuerbare Jahreserzeugung bis 2030
Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) — Das neue Stromgesetz (2025)
Das ElWG wurde am 11. Dezember 2025 als Teil des „Günstiger-Strom-Gesetzes" beschlossen und ersetzt das veraltete ElWOG 2010. Es bringt einen Paradigmenwechsel für den österreichischen Strommarkt.
Zentrale ElWG-Neuerungen für P2P-Stromhandel:
| Neuerung | Detail | Inkrafttreten |
|---|---|---|
| P2P-Verträge | Erstmalige gesetzliche Definition von Peer-to-Peer-Verträgen für Verkauf oder Schenkung von erneuerbarem Strom | 1. Oktober 2026 |
| Gemeinsame Energienutzung | Aktive Kunden können gemeinsam Strom nutzen, speichern und verkaufen — ohne Bilanzgruppe | 1. Oktober 2026 |
| Aktive Kunden | Neue Rolle: Endkunden, die nicht nur verbrauchen, sondern auch erzeugen, speichern und teilen | 24. Dezember 2025 |
| Vereinfachte Teilnahme | Haushalte mit Anlagen bis 30 kW brauchen keine Lieferantenlizenz | 1. Oktober 2026 |
| Bis zu 5 Vereinbarungen | Aktive Kunden dürfen an bis zu 5 gleichzeitigen Energienutzungs-Vereinbarungen teilnehmen | 1. Oktober 2026 |
| 24-Stunden-Wechsel | Technische Wechselfrist von 3 Wochen auf 24 Stunden verkürzt | 1. April 2026 |
| Viertelstundenwerte als Standard | Smart-Meter-Viertelstundenwerte werden vom Opt-in zum Default | ab April 2026 (stufenweise) |
Was bedeutet das konkret? Ab Oktober 2026 können Sie als Besitzer einer PV-Anlage einen P2P-Vertrag mit Ihrem Nachbarn abschließen und überschüssigen Strom direkt verkaufen — ohne eine eigene Rechtsform zu gründen und ohne als Energielieferant zu gelten (bis 30 kW).
EEG, BEG und GEA: Drei Modelle im Vergleich
Österreich kennt derzeit drei Modelle für die gemeinschaftliche Energienutzung:
| Merkmal | EEG | BEG | GEA |
|---|---|---|---|
| Bezeichnung | Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft | Bürgerenergiegemeinschaft | Gemeinschaftliche Erzeugungsanlage |
| Reichweite | Lokal oder regional (innerhalb eines Netzgebiets) | Österreichweit | Einzelnes Gebäude |
| Energiequellen | Ausschließlich erneuerbar | Strom (nicht auf erneuerbar beschränkt) | Beliebig |
| Mitglieder | Privatpersonen, Gemeinden, KMU | Privatpersonen, Gemeinden, KMU | Gebäudebewohner |
| Rechtsform | Verein, Genossenschaft, GmbH, etc. | Verein, Genossenschaft, GmbH, etc. | Keine eigene nötig |
| Netzentgelt-Reduktion | Bis ~60 % (lokal), ~30 % (regional) | Keine Reduktion | Minimal (innerhalb Gebäude) |
Mit dem ElWG ab Oktober 2026 kommen zusätzlich hinzu:
- Gemeinsame Energienutzung: P2P-Verträge ohne Gründung einer Rechtsform
- Kombination aus Energiegemeinschaft und separaten P2P-Verträgen möglich
Timeline: Meilensteine des P2P-Stromhandels
| Datum | Meilenstein |
|---|---|
| 2017–2018 | Pilotprojekte: Wien Energie + RIDDLE&CODE Blockchain-P2P-Projekt; Powerledger + Energie Steiermark starten smartCOMMUNITY |
| Oktober 2018 | OurPower Energiegenossenschaft gegründet — einer der ersten P2P-Marktplätze Österreichs |
| Juli 2021 | EAG beschlossen — erster Rechtsrahmen für EEG, BEG und GEA |
| 2022 | Erste Energiegemeinschaften nehmen den Betrieb auf |
| Ende 2024 | Smart-Meter-Rollout erreicht 96,9 % (6,53 Mio. von 6,74 Mio. Zählpunkten) |
| Ende 2025 | 6.500+ Energiegemeinschaften registriert; ~100.000 teilnehmende Zählpunkte |
| Dezember 2025 | ElWG beschlossen — neues Stromgesetz mit P2P-Vertrags-Definition |
| April 2026 | 24-Stunden-Anbieterwechsel; Viertelstundenwerte werden Standard (>5.000 kWh/Jahr) |
| Oktober 2026 | Volles ElWG in Kraft: P2P-Verträge, gemeinsame Energienutzung; bestehende Gemeinschaften migrieren |
| 2027+ | Viertelstundenwerte-Standard für alle Haushalte; rasantes Wachstum von P2P-Verträgen erwartet |
| 2030 | Ziel: 100 % erneuerbarer Strom in Österreich |
Plattformen und Anbieter in Österreich
Mehrere Plattformen ermöglichen bereits heute den P2P-Stromhandel bzw. die Organisation von Energiegemeinschaften:
| Plattform | Beschreibung |
|---|---|
| OurPower (ourpower.coop) | Pionier des P2P-Stromhandels. BEG-Genossenschaft (gegr. 2018). Marktplatz, auf dem Prosumer ihren eigenen Preis festlegen und Verbraucher ihre Stromquelle wählen können. |
| neoom (neoom.com) | 360°-Plattform für Energiegemeinschaften. Bietet KLUUB (Community-Matching), Abrechnung und Optimierung. |
| 7Energy (7energy.at) | Webplattform für Bürger zum Aufbau und Betrieb von Energiegemeinschaften. 1:1-Durchleitung von erneuerbarem Strom. |
| EG Austria (eg-austria.at) | Große Energiegemeinschaft Österreich — Hub für Erzeuger und Verbraucher im ganzen Land. |
| SmartGyver (smartgyver.at) | Plattform für gemeinsame Energienutzung, aktiv in ElWG-Aufklärung. |
| Powerledger + Energie Steiermark | smartCOMMUNITY — Blockchain-basierte Energiehandels-Plattform in der Steiermark. |
Vorteile und Herausforderungen
Vorteile
Für Verbraucher und Prosumer:
- Kostenersparnis: Reduzierte Netzentgelte bei lokalen EEGs (4–8 ct/kWh Ersparnis). Innerhalb der Gemeinschaft selbst definierte Strompreise.
- Energieunabhängigkeit: Weniger Abhängigkeit von traditionellen Versorgern und volatilen Großhandelspreisen.
- Transparenz: Sie wissen genau, woher Ihr Strom kommt — von der PV-Anlage des Nachbarn oder der Gemeindeanlage.
- Mitbestimmung: Demokratisierung des Energiesystems — Bürger werden zu aktiven Marktteilnehmern.
Für Erzeuger:
- Zusätzliche Einnahmen: Überschüssiger PV-Strom kann zu besseren Konditionen als die Einspeisetarife verkauft werden.
- Preisgestaltung: Eigener Verkaufspreis innerhalb der Gemeinschaft.
Für Netz und Gesellschaft:
- Netzentlastung: Lokale Erzeugung und Verbrauch reduzieren Fernübertragungsbedarfe.
- Regionale Wertschöpfung: Erlöse bleiben in der Region.
Herausforderungen
- Keine 24/7-Versorgung: Energiegemeinschaften können keine durchgängige Versorgung garantieren (PV erzeugt nachts keinen Strom). Ein klassischer Stromanbieter bleibt als Backup (Reststrombezug) erforderlich.
- Organisatorische Komplexität: Gründung einer Rechtsform, Verträge mit Netzbetreibern, Abrechnungssystem — der Verwaltungsaufwand ist für Bürger eine Hürde. (Ab Oktober 2026 teilweise vereinfacht durch ElWG.)
- Smart-Meter-Daten: Aktuell haben nur ~760.000 von 6,7 Mio. Zählpunkten Viertelstundenwerte aktiv. Der ElWG-Stufenplan (2026–2027) wird dies auf über 6 Mio. ausweiten.
- Übergangsphase: Die Migration von EAG/ElWOG zum ElWG-System (Oktober 2026) bringt rechtliche Übergangsunsicherheiten.
- Lieferantenpflichten: Bei Anlagen über 30 kW (Haushalte) bzw. 100 kW (sonstige) gelten volle Lieferantenpflichten.
- Datenschutz: Die Umstellung auf Viertelstundenwerte als Standard hat Kritik von Datenschutzorganisationen wie ARGE Daten ausgelöst.
Die Rolle des Smart Meters
Der Smart Meter ist die technische Grundvoraussetzung für P2P-Stromhandel. Ohne ihn funktionieren Energiegemeinschaften nicht.
Wie der Smart Meter P2P ermöglicht
- Viertelstundenmessung: Smart Meter erfassen Verbrauch und Erzeugung alle 15 Minuten. Diese Granularität ist notwendig für die präzise Zuordnung innerhalb der Gemeinschaft.
- Datenaustausch via EDA: Die Messdaten werden über die EDA-Plattform bereitgestellt. Plattformbetreiber greifen darauf zu, um Zuordnungen zu berechnen und Rechnungen zu erstellen.
- Dynamische Zuordnung: Auf Basis der Viertelstundenwerte können Gemeinschaften verschiedene Verteilungsmodelle nutzen — statisch (fixer Prozentsatz) oder dynamisch (proportional zum tatsächlichen Verbrauch).
- Abrechnungsbasis: Alle elektronischen Rechnungen in Energiegemeinschaften basieren auf Smart-Meter-Viertelstundenwerten.
ElWG-Änderung: Viertelstundenwerte werden Standard
| Zeitraum | Betroffene Haushalte |
|---|---|
| Ab April 2026 | Verbrauch >5.000 kWh/Jahr — automatische Umstellung |
| Ende 2026 | Verbrauch 1.500–5.000 kWh/Jahr |
| 2027 | Alle verbleibenden Haushalte |
Aktuell sind bei nur ~12,6 % der Zählpunkte Viertelstundenwerte aktiv. Mit dem ElWG könnte dieser Anteil auf über 95 % steigen — eine massive Ausweitung des Pools potenzieller Energiegemeinschafts-Teilnehmer.
Mehr zum Smart Meter und zur Datenfreigabe
Österreich im EU-Vergleich
Österreich gilt als Vorreiter in der EU bei der Umsetzung von Energiegemeinschaften:
| Aspekt | Österreich | EU-Durchschnitt |
|---|---|---|
| Rechtsrahmen | Umfassend seit 2021 (EAG), modernisiert 2025 (ElWG) | Viele Länder haben RED II noch nicht vollständig umgesetzt |
| Anzahl Gemeinschaften | 6.500+ EEGs/BEGs (Ende 2025) | EU-weit geschätzt ~9.000 RECs |
| Institutionelle Unterstützung | Koordinationsstelle für Energiegemeinschaften (BMK-finanziert) | Wenige Länder haben vergleichbare Einrichtungen |
| Smart-Meter-Rollout | 96,9 % | Stark schwankend (manche Länder unter 50 %) |
| P2P-Vertragsrecht | Explizite Definition im ElWG (ab Okt. 2026) | Kaum formale P2P-Vertrags-Rahmen |
Österreich hat durch die frühe EAG-Umsetzung 2021 einen Vorsprung von 2–3 Jahren gegenüber vielen EU-Mitgliedstaaten.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen einer Energiegemeinschaft und P2P-Stromhandel?
Eine Energiegemeinschaft (EEG/BEG) ist eine organisierte Rechtsform, in der Mitglieder gemeinsam Strom erzeugen und verbrauchen. P2P-Stromhandel im engeren Sinne (ab Oktober 2026 via ElWG) ermöglicht den direkten Verkauf zwischen zwei Parteien über einen P2P-Vertrag — ohne eigene Rechtsform.
Brauche ich einen Smart Meter für P2P-Stromhandel?
Ja, ein Smart Meter mit aktivierten Viertelstundenwerten ist technische Voraussetzung. Ohne die granulare Messung ist eine zeitgenaue Zuordnung von Erzeugung und Verbrauch nicht möglich.
Was kostet die Teilnahme an einer Energiegemeinschaft?
Die Kosten variieren je nach Gemeinschaft und Plattform. In der Regel fallen eine kleine Mitgliedsgebühr und Plattformkosten an. Dem gegenüber stehen reduzierte Netzentgelte (bis 60 % bei lokalen EEGs) und günstigere Strompreise innerhalb der Gemeinschaft.
Kann ich als Mieter an P2P-Stromhandel teilnehmen?
Ja. In einer Gemeinschaftlichen Erzeugungsanlage (GEA) im Mehrparteienhaus können auch Mieter vom gemeinsam erzeugten PV-Strom profitieren. Ab Oktober 2026 ist die Teilnahme über P2P-Verträge noch einfacher — ohne eigene Erzeugungsanlage, als reiner Abnehmer.
Was passiert, wenn die Energiegemeinschaft nicht genug Strom erzeugt?
In diesem Fall beziehen Sie den fehlenden Strom automatisch von Ihrem regulären Stromanbieter (Reststrombezug). Eine durchgängige Versorgung durch die Gemeinschaft allein ist derzeit nicht garantiert — besonders nachts und im Winter.
Wo finde ich eine Energiegemeinschaft in meiner Nähe?
Die offizielle Koordinationsstelle unter energiegemeinschaften.gv.at bietet eine Übersicht bestehender Gemeinschaften. Auch Plattformen wie OurPower, neoom oder 7Energy helfen bei der Suche und Gründung.
Weiterführende Artikel:
- Energiegemeinschaften in Österreich — Überblick - Alle Modelle, Vorteile und Beitrittsschritte
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